European Youth Parliament? Klingt viel zu sehr nach langweiligem Gerede und Politik.

Eine ähnliche Einstellung hatte auch ich, als ich mit sechs anderen aus meinem Profil gefragt wurde, bei EYP mitzumachen.

Bei EYP repräsentieren die Teilnehmenden quasi die EU. Sie erhalten eine komplexe Problemstellung mit dem Ziel, hierfür eine Resolution zu entwickeln und diese dann vor einem Publikum gegen jegliche Widersprüche zu verteidigen.

Diese Problemstellungen sind sehr unterschiedlich – in meinem Fall ging es u.a. darum, wie die EU die Kooperation der Justizsysteme bei internationaler Kriminalität verbessern und aufrechterhalten kann. Ein Thema, von dem ich absolut keine Ahnung hatte – vor EYP zumindest. Es gab aber auch Themen wie Luftverschmutzung in urbanen Zentren oder wie die EU LGBTQ-Menschen (Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender; Anm. d. Red.) und deren Rechte sichern und verbreiten kann, um weitreichende Toleranz zu erzielen, also eine beeindruckende Bandbreite von Fragestellungen, alle Teil eines aktuellen und realen politischen Diskurses.

Eine der besten Erfahrungen bei allen EYP-Sessions war, dass man sich innerhalb kürzester Zeit ein unglaubliches Wissen zu verschiedensten Problemstellungen erarbeiten kann, dazu eine klare Meinung und letztendlich Lösungswege entwickelt.

Man lernt die EU als Institution mit all ihren Möglichkeiten kennen und zusammen mit andereneine Resolution zu entwickeln, die auf kreativen Ideen, faktischem Wissen und beeindruckend viel Argumentationsstärke basiert.

Die nationale Sitzung in Kiel dauerte sechs Tage (je weiter man kommt – desto länger dauern die Sitzungen). Nach den zwei Tagen „Committee work“ (Ausschuss-Arbeit), also an Tag drei und vier, war es Zeit für die „General Assembly“ (Generalversammlung). Uns wurde vorab mitgeteilt, dass hier formale Kleidung erwünscht ist – und tatsächlich, um 9 Uhr morgens versammelten sich lauter Jungs und Mädchen in Anzug, Kleid oder Rock und Blazer im Eingang. Da stieg die Nervosität doch etwas an, alles wirkte so seriös und wichtig.

Es gab bereits vorab eine „opening ceremony“, die fand sogar im Kieler Landtag statt, wo einige sehr inspirierende Reden gehalten wurden.

Bei der „Location“ angekommen, ging es ans Eingemachte. Nun war es Zeit, seine hart erarbeiteten Resolutionen vorzustellen und gegen hartnäckige Kritik zu verteidigen. Es gibt dabei immer ein festes Schema, welches Raum für verschiedene Reden bietet, wie z.B die „Defense Speech“, eine Rede, die vom vorstellenden Komitee gehalten wird oder eine „Attack speech“, die von einem anderen Komitee ausgeführt wird und harte Kritik übt. Danach gibt es 3-4 Runden einer offenen Debatte, wobei dass vorstellende Komitee nach jeder Runde die Chance hat, auf spezifische Kritikpunkte zu antworten. Eine demokratische Parlamentssitzung läuft tatsächlich ziemlich ähnlich ab.

Zum Abschluss stimmen alle Komitees entweder für oder gegen eine Zulassung der Resolution.

Im Nachhinein kann ich nur bestätigen, dass man, um EYP völlig verstehen und nachvollziehen zu können, tatsächlich einmal dabei gewesen sein muss. Es ist wirklich unglaublich, was für eine Arbeit damit verbunden ist, welcher Zusammenhalt entsteht und wie sehr man sich in dieser kurzen Zeit in einen politisch-mündigen, informierten und vor allem aktiven Bürger verwandeln kann.

Abschließend möchte ich noch einmal betonen, dass die Teilnahme beim European Youth Parliament eine unglaubliche Erfahrung war – geprägt von individuellem Fortschritt in vielerlei Hinsicht sowie der Entstehung neuer internationaler Freundschaften. EYP bietet unheimlich viel Raum, gehört zu werden, denn egal wie fern einem die EU und/oder politische Themen erscheinen- durch EYP hat jeder etwas zu sagen.

 

Greta Buhmann SII

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