Wir, die Klasse 9B, besuchten am 9. Juni 2026 mit unserer Lehrerin Frau König das Literaturhaus Hamburg zu einer Lesung über die deutsch-deutsche Geschichte und die Flucht aus der DDR. Die Autorin Maja Nielsen las gemeinsam mit dem Zeitzeugen Joachim Neumann aus ihrem Buch Der Tunnelbauer vor.
Joachim Neumann schilderte uns, wie er in den 1960er-Jahren mithilfe eines fremden Schweizer Passes in die Bundesrepublik flüchtete. In den folgenden Jahren beteiligte er sich gemeinsam mit vielen Studenten am Bau von sechs Tunneln unter die DDR-Grenze. Einige dieser Studenten sind bis heute Freunde von Joachim Neumann. 2012 wurde er zusammen mit anderen Helfern mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Er erzählte uns, wie er – ohne jemandem Bescheid zu geben – Freunde und Familie im Studentenalter auf unbestimmte Zeit zurückließ. Zuvor hatte er von einem Kurier den Pass eines Schweizers erhalten, dem er ähnlich sah. Als er die Grenzkontrolle haarscharf passierte und mit dem Zug über die Grenze fuhr, war er so aufgewühlt, dass er sich übergeben musste. Kaum auf der anderen Seite, begann Joachim Neumann gemeinsam mit gleichgesinnten DDR-Bürgern, die dasselbe Schicksal teilten, Menschen in den freien Westen zu bringen.
Sie bauten Tunnel, verteilten Pässe, schmuggelten Menschen in Autos, sägten Gitter durch und liefen durch die Kanalisation. All das war nötig, um einem Leben in einer sozialistischen Diktatur zu entkommen. Wären diese Fluchten gescheitert, hätte die Staatssicherheit nicht gezögert, die Flüchtenden zu erschießen oder einzusperren.
Für uns alle war der Gedanke, über Nacht in einem Staat eingesperrt zu sein, der einen kontrolliert, überwacht und unterdrückt, erschreckend. Joachim Neumann appellierte außerdem, dankbar für ein Leben in einer freien Demokratie zu sein und Solidarität gegenüber denjenigen zu zeigen, die es plötzlich schwerer haben als man selbst – ohne eigenes Verschulden und oft mitten in demselben Staat.
Wir fanden den Vormittag sehr aufschlussreich und wurden zum Nachdenken angeregt. Besonders wertvoll war die Möglichkeit, mit einem Zeitzeugen zu sprechen und Fragen zu stellen. Zudem genossen wir die authentische Atmosphäre, die entstand, als Frau Nielsen aus ihrem Buch vorlas.
Tim Wiggers, 9b


