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von Katharina Gundermann

Es war ein heißer Tag, der sich am Morgen noch gar nicht als solcher offenbart hatte. Die Hitze war trocken und ermattend, wie auch an den letzten Tagen. Doch die Schule dauerte nur ein paar Stunden und nach all den Monaten, eingesperrt im Homeoffice, war alles willkommen, das eine Abwechslung darstellte. Der Himmel war strahlend blau und wurde ausnahmsweise ab und zu von kleinen Federwolken aufgelockert. Die Wiese hatte unter der sengenden Hitze ihr Grün verloren und die Schüler suchten im Schatten der Gebäude Schutz. 15 Minuten vor Unterrichtsbeginn waren nur vereinzelt Schüler zu sehen, die sich an die Eingangstüren ihrer Klassenräume lehnten.

Darauf wartend, dass ein bekanntes (und freundliches) Gesicht zu ihnen stößt. Je mehr nach und nach zusammenkamen, desto mehr Gruppen bildeten sich heraus und mehr Gesprächsthemen kamen in Umlauf. Keiner achtete mehr auf die verschiedenen Masken, die die Gesichter verbargen und auch die vorgeschriebenen Abstände wurden mehr oder minder automatisch eingehalten. Die wärmende Morgensonne schien auf den ersten Blick der einzige Anlass zu sein, weshalb sich die Klasse so verstreut aufstellte. Und die andere Klasse, die in diesem Trakt unterrichtet werden sollte, hatte ihren Unterricht etwas vorgezogen und saß bereits im Klassenraum. Nach dem langen Onlineunterricht genossen es die Schüler, sich wieder persönlich treffen zu können. Sie betraten das Schulgelände etwas früher als gewöhnlich und bei einigen, die sich bereits ungezwungen unterhielten, konnte man fünf Minuten vor Unterrichtsbeginn noch die Kopfhörer erkennen. Die, nachdem sie beim Betreten des Klassenraums verschwunden schienen, durchaus später wieder auftauchten. Doch noch dachte kaum jemand an die nächsten paar Stunden, sie unterhielten sich über die letzten Monate mit ungewöhnlich ruhiger Stimme.

Nach der Isolation war der Lautstärkepegel der Klasse beträchtlich gesunken, ob es an der weiteren Entfernung oder an den dämpfenden Masken lag, war schwer einzuschätzen. Doch heute machte sie sich ohnehin keine Gedanken und die Gespräche der anderen wurden für sie eine einheitliche Masse, deren Inhalt zwischen Sender und Empfänger verloren zu gehen schien. Die Hitze hatte ihre Gedanken verlangsamt, die dennoch ununterbrochen auf sie einströmten. Doch auch diese beachtete sie kaum. Sie stand etwas neben sich, als einige bekannte Stimmen sie aus ihrer Trance befreiten und ihrem Lächeln einen Inhalt gaben. Ihre Freunde beachteten es gar nicht erst, da es sich bei diesem Phänomen um nichts Neues handelte. Kurze Zeit später kam der Lehrer aus dem Hauptgebäude und die Klasse setzte sich in Bewegung. Ein kühler Luftstrom kam aus dem Vorraum, nachdem sich das Schloss mit einem Klicken geöffnet hatte, das diesmal aufgrund der leiseren Stimmen seit langen einmal wieder zu hören war. Jemand hielt die Tür offen, während die anderen ihre Ranzen in dem Stapel neben der Türe ausfindig machten und schließlich dem Lehrer in die Klasse folgten. Der Klassenraum war stickig und roch nach den Desinfektionsmitteln, die seit einiger Zeit überall eingesetzt wurden.

Als sie die Stühle zur ersten Stunde absetzen wollten, klebten diese noch an den Tischen und lösten sich scheinbar nur widerwillig. Ein Tisch, ein Stuhl, ein Schüler, die tuschelnden Gespräche mit dem Sitznachbarn waren unmöglich geworden. Und niemand wollte es riskieren, bei einem „Ferngespräch“ erwischt zu werden. Der Unterricht fing früher an, die Schüler waren aufmerksamer, die Gruppen kleiner und der Lehrer entspannter.

Sobald die Türe ins Schloss gefallen und die Schüler sich mit der neuen Sitzordnung zurechtgefunden hatten, wurden die Fenster weit geöffnet. Ein sachter Luftstrom kühlte das ohnehin schon im Schatten gelegene Klassenzimmer weiter ab und bot einen angenehmen Kontrast zur Hitze auf dem Schulhof. Die Schüler nahmen ihre Masken ab und es legte sich eine ungewöhnliche Stille über den Klassenraum, während der Lehrer noch seine Sachen auspackte. Einige Schüler stützten sich auf den Tischen ab, um zumindest gedanklich noch etwas Schlaf nachzuholen, andere verfolgten erwartungsvoll die Bewegungen des Lehrers und wiederum andere beobachteten gelangweilt, vielleicht auch etwas spöttisch, ihre Mitschüler, die sich lautlos mit Handzeichen verständigten.

Die Stimme des Lehrers durchbrach die Stille und zerrte die Schülerin erneut aus ihren Gedanken, die den Klassenraum schon längst verlassen hatten und sich auf den freien Nachmittag fokussierten. Sie hatte sich mit einer Freundin verabredet, mit der sie sich schon seit den Ferien nicht mehr ausgetauscht hatte. Sie hatten sich bereits in der fünften Klasse kennengelernt und waren seitdem nicht getrennt worden, bis ihre Freundin sich dazu entschloss, ein Auslandsjahr zu machen. Einige begeisterte Briefe und lange Gespräche mit einem weiten Lächeln hatten ihre Begeisterung für Sprache und Kultur des Landes deutlich zum Ausdruck gebracht. Auch wenn sie selber nichts davon verstand, hatte sie ihrer Freundin gerne zugehört und ihre ständig wechselnden Gesichtsausdrücke mit Freude beobachtet. Doch nun hatten ihre unterschiedlichen Interessen dazu geführt, dass sie verschiedene Profile gewählt hatten. Auch wenn ihre Freundschaft bestehen blieb, hatten sie seitdem viel weniger Chancen, sich zu treffen. Und mit den aufgeteilten Klassen wegen Corona waren sie auch in den wenigen verbliebenen Stunden getrennt worden.

Umso mehr freute sie sich nun auf das vereinbarte Treffen am Nachmittag. Doch nun musste sie noch zwei Doppelstunden und eine Pause warten. Sie schloss für einen kurzen Augenblick die Augen, kaum mehr als ein Blinzeln, und begann sich auf den Unterricht zu besinnen. Es folgte als Einstieg ein kurzer Austausch über die Vermutungen zu Corona und der näheren Zukunft, die übliche Erinnerung an die Regeln und die darauffolgende Resignation. Der Unterricht zog an ihr vorüber und vielleicht lag es an ihrer Vorfreude, denn er schien ihr schneller vorüberzugehen als sonst.

Die Uhr im Raum funktionierte wieder nicht und das Schulklingeln schien seit dem Halbtagsunterricht aus dem Rhythmus geraten zu sein. So überraschte sie das Ende der Stunde und es überkam sie die plötzliche Erkenntnis, dass ihr Schultag bereits vorbei war, obwohl dieser nur halb so lang war wie gewohnt. Sie packte ihre Sachen zusammen, verabschiedete sich von ihren Klassenkameraden und begab sich zu dem Eingang, an dem sie ihre Freundin vermutete. Die Sonne stand hoch am Himmel und sie stellte sich unter das bisschen Schatten, das ihr der Laubengang noch bieten konnte und wartete auf das Eintreffen ihrer Freundin. Sie hatte noch nicht lange gewartet, da kamen die ersten Schüler aus dem Gebäude. Eine fröhlich schnatternde Menge, die sich durch die Abstandsregelungen etwas auflockerte.

Doch sie musste sich noch einen Moment gedulden, bis sie schließlich ihre Freundin unter den Nachzüglern entdeckte.

Sie lehnte sich zurück an einen der angewärmten Pfeiler des Laubengangs und sie beobachtete einige winzige rötliche Spinnen, die gut versteckt von der abblätternden Farbe des gegenüberliegenden Pfeilers ihren Tätigkeiten nachgingen. Der Arm, über den sie ihre Jacke gelegt hatte, wurde immer schwerer und sackte unmerklich ab, bevor sie sich vom Pfeiler löste und die Jacke sorgsam in ihrem Schulranzen verstaute. Bevor sie sich in ihren Gedanken verlor, überflog sie die ihr so wohlbekannte Umgebung, mit den zurechtgestutzten Büschen und den grünen Bodendeckern, in denen Jahr für Jahr unzählige Tennisbälle verschwanden. Der Löwenzahn, der sich dazwischen eingenistet hatte, war hochgewachsen und strahlte in einem hellen Grün, als er das Licht der Sonne reflektierte. Die Wege waren sorgsam gemauert und waren so sehr in die Erde gestampft worden, dass es kaum Unebenheiten gab. Doch von der Person, auf die sie wartete, war noch kein Anzeichen zu erblicken. Stattdessen blendete sie das helle Licht der Sonne, sodass sie die Augen schloss und sich ganz der Wärme hingab, die sich wie ein Mantel um sie legte. Deutlich spürte sie ihre Herzschläge, die einen langsamen, beruhigenden Rhythmus angenommen hatten. Dann kam ein weiteres Klopfen hinzu, das gedämpfte Geräusch hastiger Schritte.

Ihre Freundin öffnete die weiße Tür, die sie aus dem Hauptgebäude führte, und überbrückte mühelos die letzten Meter, die die beiden noch voneinander trennten. Auch durch die Maske konnte man ein breites Lächeln erkennen.

Dann machten sie sich gemeinsam auf den Weg. Sie folgte ihrer Freundin durch den zweiten Schulausgang, der ihr ansonsten völlig fremd war. Der kleine Parkplatz und die Fahrradständer lagen nun vereinsamt vor ihnen und an der Sporthalle vorübergehend war es fast so, als hätten die Sommerferien nie aufgehört. Der Schatten der Bäume gab ihnen etwas Schutz, als sie begannen, sich auszutauschen. Gleichmäßig hallten ihre Schritte in ihren Ohren wieder, als ihre Freundin von ihrem letzten Besuch im Internat berichtete. Die Stimme, der sie zuhörte, war im Laufe der Jahre etwas tiefer und fester geworden, doch die überströmende Freude, die ihre Worte begleitete, hatte sich nie geändert. An der nächsten Kreuzung nahmen sie ihre Masken ab, die sie bis dahin einfach über das Gespräch vergessen hatten. Ein Fahrradfahrer überholte sie, während die beiden sich, noch immer ins Gespräch vertieft, wieder in Bewegung setzten und ihre Schritte dem anderen anpassten, bis sie ein geeignetes Tempo erreichten.

Im Treppenhaus verhallten ihre Schritte, als sie den Stufen in den ersten Stock folgten. Dann standen sie auch schon vor der unscheinbaren Tür des Reihenhauses, die auf den ersten Blick nicht auf ihre Bewohner schließen ließ. Dann klickte das Türschloss erneut und die Mutter ihrer Freundin betrat die Wohnung. Zu dritt am Tisch aßen sie das warme Curry und tauschten erste Erfahrungen über Corona und den Lock-Down aus.

Erst nach einer halben Stunde lösten sie den Mittagstisch auf und zogen sich in das Zimmer ihrer Freundin zurück. Eine große Tasche versperrte den Blick auf das Bücherregal, doch ansonsten hatte sich kaum etwas verändert. Es handelte sich um eine komplette Ausrüstung zum Stand-Up-Paddling, wurde ihr erklärt, während ihre Freundin auch gleich die verschiedenen Vorteile dieses Sets aufzeigte. Das leichte, verstellbare Paddel, das aufblasbare Board mit drei kleinen Finnen. Nach der kurzen Einführung wurde alles wieder sicher verstaut und die Tasche kam an ihren alten Ort, bis sich ein anderer Platz für sie finden würde.

Was sollten sie nun mit dem Nachmittag anstellen? Das Wetter war zu schön, um jetzt schon anzufangen, Karten zu spielen. Am nächsten Tag hatten sie keine Kurse eingeteilt bekommen und alle Aufgaben hatten sie bereits im Voraus erledigt. Es würde schwer werden, sich auf etwas zu einigen. Die eine war sportbegeistert und abenteuerbereit, während die andere Sport fernblieb und sich am liebsten in eine Ecke zurückzog, um zu lesen.

Ein kurzes Schweigen legte sich über den Raum, als beide angestrengt nach einer Lösung suchten, als der Blick ihrer Freundin erneut auf der Ausrüstung zum Stand-Up-Paddling liegen blieb. Das aufgeblasene Brett war groß genug für beide und sich mit dem Paddel vorwärts zu bewegen war nicht übermäßig anstrengend. Die Mellingbek floss gleich vor der Haustür und das Wetter war ideal, um Schwimmen zu gehen.

Der Vorschlag stieß auf wenig Widerstand und die benötigten Sachen wurden einfach geliehen. Sie ließ sich von der Begeisterung ihrer Freundin anstecken und ihr gefiel die Vorstellung, bei der Hitze auf dem Wasser zu treiben.

Und schon waren sie wieder draußen, bliesen das Bord auf und holten schließlich noch eine Schwimmweste. Auch wenn ihre Freundin eine Rettungsschwimmerin war, sie war es nicht und würde es so bald nicht werden. So ausgerüstet machten sie sich auf den Weg, abwechselnd das Board tragend zur Mellingburger Schleuse, um es dort ins Wasser zu lassen. Das Board war groß genug und die Flip-Flops würden sie einfach unter das Gepäcknetz klemmen.

In den ungewohnten Schuhen kam sie nur langsam voran und ihre Freundin musste mehrmals auf sie warten. Doch sobald sie ihre Füße ins Wasser hielten, war der Weg vergessen und nur noch das bevorstehende Abenteuer füllte ihre Gedanken. Das Bord schaukelte im Wasser, als sie die Schuhe unterklemmten, sie setzte sich vorne an die Spitze, während ihre Freundin ihr mit dem zusammengesteckten Paddel folgte. Das kühle Wasser schwappte etwas über die Ränder des Brettes und sie schwankten leicht, als sie den morschen Holzsteg hinter sich ließen und den Weg, den sie gekommen waren, nun vom Wasser aus zurückverfolgten.

Die grünen Blätter spiegelten sich im Wasser, das durch die von ihrem Gefährt verursachten Wellen verschwamm und in den verschiedensten Grüntönen glänzte. Die schillernden Farben verdeckten den sandigen Grund und standen im Kontrast zu der dunklen Rinde der umsäumenden Bäume. Es erweckte in ihr den Eindruck einer modernen Version aus Anne auf Green Gables (einem Roman): Zwei Freundinnen allein auf dem Wasser an einem warmen Sommertag, die sich Geschichten erzählten und in Fantasien verloren.

Doch ein plötzlicher Ruck des Boards riss sie aus ihren Gedanken, als sie sich zur Seite lehnen musste, um das Gewicht auszubalancieren. Das Wasser schwappte über und sog sich in ihre Kleider, doch sie beachtete es nicht weiter und verfolgte lieber die Flugbahn einer blau-grün schillernden Libelle. Hinter ihrer Wohnung gab es einige kleine Seen, an denen sich im Sommer ebenfalls die Libellen sammelten. Sie musste lächeln in Gedanken an die Kinder, die sich im Schilf versteckten, um mit ihrem kleinen Kescher einen solchen Fang zu machen.

Doch diese Libellen waren rot-bräunlich, größer und träger gewesen als die Exemplare, die sie hier beobachtete. Sie entdeckte noch andere Arten, eine gut getarnte grünliche Libelle und etwas unauffälligere braune. Sie überholten ein paar Stockenten, die sich an einer kleinen Insel ausruhten und von ihnen aufgeschreckt worden waren.

Ihre Freundin brachte das Brett erneut zum Wanken, als sie sich niederließ und das Paddel aus dem Wasser holte. So trieben sie noch ein Stück weiter, vorbei an Seegras, das sich in der Strömung wiegte und einem Teichhuhn, das ihren Weg kreuzte, und verfolgten gemeinsam die flirrenden Bewegungen der Insekten.

Der Schatten der Bäume verdeckte die Sonne, die mittlerweile selbst die Fußgängerwege erwärmt hatte. Erst am Nachmittag sollten ein paar Wolken aufziehen und bei ihrem Rückweg Schatten spenden.

Das Paddel wechselte die führende Hand und sie fuhren weiter am Ufer entlang hin und wieder einer Wurzel oder einem herausragenden Baumstamm ausweichend. Ab und zu konnten sie einen dunklen Schemen unter der Wasseroberfläche vorbeischwimmen sehen, bis sie an einem Steg anhielten.

Sie legte sich auf die Wiese und ließ sich von der Sonne trocknen. Ihre Freundin hingegen ließ sich ins Wasser gleiten und führte ihre Schwimmkünste vor, während sie von dem letzten Ausflug schwärmte, bei dem sie noch von ihrem Nachbarn begleitet wurde. Die letzten Anzeichen ihrer Schlammschlacht färbten dort noch immer den Steg, wo sie sich nun niederließen und ihre Füße ins Wasser hielten. Eine angenehme Stille breitete sich aus, als beide für sich den Moment in sich aufnahmen, an den sie später noch viele Male zurückdenken würden.

Sie hielten noch einen Moment inne, bevor sie sich erneut aufs Wasser begaben und ihre Reise fortsetzten. Das leise Geräusch der Wellen breitete sich über die ansonsten menschenleere Gegend aus.

Ein leichter Wind setzte ein und schob sie weiter voran, vorbei an Linden und Eichen, Sträuchern und Gräsern, weg von der Straße, die sie eben noch entlanggelaufen waren, weg von dem Klassenraum, indem sie noch heute Morgen geduldig gesessen hatten und weg von dem Bildschirm, der sie in den letzten Wochen ständig begleitet hatte. Alles, was übrig blieb, waren zwei Freundinnen auf dem Wasser, die die warme Sonne genossen und dem Fluss folgten, der sie immer weiter führte in ein Wechselspiel aus Licht und Leben.