Wirklich schon 75 Jahre? Einblicke, Eindrücke und Fundstücke zur Geschichte des Gymnasiums Oberalster (1945-2020)

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Foto: Prof. Dr. Halvor Jochimsen

Die Geschichte einer Schule ist wie eine Landkarte – wir schätzen den Gesamtüberblick, schauen aber an der einen oder anderen Stelle gerne einmal näher hin…

Sie interessieren sich nicht für die Geschichte des GOA? Das ist doch viel zu langweilig? Hier unterliegen Sie einer Täuschung: Die Geschichte des GOA ist vielfältig, spannend und von Umbrüchen geprägt. Sie beginnt in einfachsten Baracken ohne Toiletten, „erleidet“ dann eine lange Zeit ohne Aula, erlebt Oberstufenreformen und andere Veränderungen und schließlich den Bau der heutigen Aula! Vor allen Dingen ist sie durch die vielen Schülerinnen und Schüler geprägt, die hier nicht nur ihren Abschluss erworben haben (und derzeit erwerben), sondern im besten Sinne gymnasial geprägt werden: zum Denken und Hinterfragen! Also: Genießen Sie den folgenden, kurzweiligen Überblick über unsere Schulgeschichte!

Dr. Helge Schröder, Geschichtslehrer am GOA

„Baracken am Alsterlauf” Eine Neugründung nach Kriegsende

Mit der bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg und auch die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur. Die Kontrolle über das Deutsche Reich ging – offiziell am 6. Juni 1945 verkündet – auf die Besatzungsmächte USA, Sowjetunion und Großbritannien über, die jeweils über eine eigene Besatzungszone verfügten (Frankreich wurde nach der Potsdamer Konferenz zusätzlich „eingeladen”).
Hamburg war bereits fünf Tage vor der Kapitulation von englischen Verbänden kampflos besetzt worden. Die in weiten Teilen durch Bombenangriffe zerstörte Stadt Hamburg gehörte dann auch zur britischen Besatzungszone. Alleine im Juli und August 1943 waren über 42.000 Hamburger ums Leben gekommen, 277.000 Wohnungen zerstört und 900.000 Menschen obdachlos geworden. Die Zerstörung betrafen auch die Schulen: Von 463 Schulgebäuden waren 97 völlig, 122 schwer und mittelschwer zerstört.

Zunächst schlossen die Briten alle Schulen. Bereits am 6. August 1945 begann jedoch in Volksschulen (heute: Grundschulen und Stadtteilschulen) der Unterricht wieder, am 2. Oktober wurden die höheren Schulen (heute: Gymnasien) wieder eröffnet. Der Zeitdruck verhinderte eine gründliche Entnazifizierung: Offensichtlich belastete Oberschulräte und Lehrkräfte wurden aus dem Schuldienst entlassen; alle anderen Fälle konnten nur oberflächlich oder zunächst gar nicht geprüft werden. Allerdings mussten sich alle Deutschen in den drei westlichen Besatzungszonen in den folgenden Jahren einem formalen Entnazifizierungsverfahren unterziehen, dessen Ausgang dann auch über einen weiteren Verbleib im Schuldienst, eine Entlassung oder später über eine Wiedereinstellung (z.B. nach einer Entlassung 1945) entschied.

Auch die “Barackenschule Poppenbüttel” wurde am 2. Oktober als neue “Oberschule für Jungen und Mädchen in Poppenbüttel” wieder eröffnet. Der neue Schulleiter, Dr. Eckmann, brachte zwei neue Lehrkräfte mit, zwei Lehrkräfte der bisher am gleichen Ort bestehenden “Langemarck-Schule” unterrichteten zunächst ohne Unterrichtserlaubnis weiter und wurden im Oktober/November 1945 dann aus dem Beamtenverhältnis entlassen.

Die drei Lehrkräfte waren für drei fünfte Klassen verantwortlich, eine Jungen-, eine Mädchenklasse und eine (zunächst wegen der Ausnahmesituation des Krieges eingerichtete) Koedukationsklasse. Die drei Klassen wurden im Schichtbetrieb in den beiden Klassenräumen der Baracke unterrichtet. Zwischen den beiden Klassenräumen befand sich das “Lehrerzimmer” (eigentlich nur ein Durchgang), das gleichzeitig als Schulleiterzimmer diente. Einen Wasseranschluss gab es nicht, auf dem Hof befand sich eine Schwengelpumpe, vor der sich so manche Schlange bildete. Als sanitäre Anlagen standen für Jungen und Lehrer bzw. Mädchen und Lehrerinnen nur je ein “Plumpsklo” außerhalb der Baracken zur Verfügung – mit Senkgruben ohne Sielanschluss, die von Zeit zu Zeit ausgepumpt wurden. So ist es nicht verwunderlich, dass sich in jeder Pause lange Schlangen an den beiden “Toiletten” bildeten und auch einmal der Unterricht ausfallen musste, weil ein Sturm das Klo “weggeweht” hatte. Das folgende Foto zeigt wahrscheinlich Schüler, die aus der Tür des Plumpsklos auf den “Schulhof” stürmen.

Diese sehr provisorischen Bedingungen mussten vor dem Hintergrund der Kriegszerstörungen und des Hungers und Mangel der Nachkriegsjahre akzeptiert werden. Im Nachhinein wurden sie mit viel Humor aufgenommen.

In den folgenden Jahren änderte sich (aber) nur wenig: Es wurden weitere Baracken errichtet, der eigentliche Neubau der Schule begann 1952 mit der Grundsteinlegung am heutigen Standort des GOA. Erst 1959 konnte die Barackenschule endgültig aufgegeben und abgerissen werden. Das heutige Gymnasium Oberalster zeichnete sich in den ersten 14 Jahren seines Bestehens daher durch äußerst bescheidene, durchaus primitive, Unterrichtsbedingungen aus.

Aus dem Schularchiv: Schüler stürmen aus der Tür des Plumpsklos auf den "Schulhof". In: Die Entwicklung des Hamburger Schulwesens nach dem 2. Weltkrieg am Beispiel der Wissenschaftlichen Oberschule Poppenbüttel 1944 bis 1955. GOA-Informationen. Sonderausgabe 1986. (Schularchiv), S. 18.

Eine Vorläuferin des GOA? Die “Langemarck-Schule”

(Grundlage dieses Abschnittes, einschließlich der Abbildungen: Die Entwicklung des Hamburger Schulwesens nach dem 2. Weltkrieg am Beispiel der Wissenschaftlichen Oberschule Poppenbüttel 1944 bis 1955. GOA-Informationen. Sonderausgabe 1986.)

Aus dem Schularchiv: Die ersten beiden Standorte der Schule. In: Grundlage dieses Abschnittes, einschließlich der Abbildungen: Die Entwicklung des Hamburger Schulwesens nach dem 2. Weltkrieg am Beispiel der Wissenschaftlichen Oberschule Poppenbüttel 1944 bis 1955. GOA-Informationen. Sonderausgabe 1986. (Schularchiv), S. 9.

Sasel und Poppenbüttel hatten 1939 insgesamt nur etwas mehr als 10.000 Einwohner. Das änderte sich durch die Kriegszerstörungen Hamburgs erheblich: Viele Ausgebombte wurden in den ländlichen Randbezirken provisorisch untergebracht, nach 1945 kamen auch noch Vertriebene und Flüchtlinge aus den Ostgebieten des Deutschen Reiches hinzu. So hatte sich 1950 die Bevölkerungszahl mit mehr als 25.000 Menschen mehr als verdoppelt.

Da aufgrund der Bombenangriffe die Schüler aus den Innenstadtlagen u.a. in die Außenbezirke evakuiert wurden, bestand bereits 1944 ein dringender Bedarf an einer weiteren Oberschule im Nordosten Hamburgs. Diese sollte zunächst in Jenfeld eingerichtet werden, da aber auch hier die Kriegsbombardements immer stärker wurden, entschied man sich für das ländliche Alstertal in Poppenbüttel: Zwischen der Mellingburger- und der Poppenbüttler Schleuse wurde eine bislang von einer Kindertagesstätte genutzte Baracke winterfest gemacht und mit einfachen Mitteln in zwei Klassenzimmer aufgeteilt. Die Ausstattung wurde von anderen Schulen zusammen„gebettelt”, die Schule zunächst als Außenstelle der “Oberschule in der Martinistraße” geführt und aus dem Etat der durch die Bombenangriffe zerstörten “Wissenschaftlichen Oberschule Rothenburgsort” finanziert (diese Finanzierung wurde auch nach der Neugründung des GOA 1945 beibehalten).

Dabei war der Standort am Alsterlauf von Anfang an nur vorläufig: Für einen neuen großen Schulkomplex begannen Ausschachtungen weiter nördlich in Richtung der Alten Mühle – diese wurden nach dem Kriegsende 1945 jedoch nicht weitergeführt. Der Name der neugegründeten Schule war Programm: In Langemark in Flandern waren im Herbst 1914 junge Kriegsfreiwillige in den Tod gestürmt – angeblich mit dem Singen des Deutschlandliedes.

Dieser Mythos der Aufopferung der Jugend für die Nation wurde von den Nationalsozialisten als Zeichen für den totalen Einsatz der Jugend benutzt und entsprechend für die Schulneugründung verwendet. Auch die einzelnen Klassen enthielten ideologisch geprägte Namen. So wurde eine Mädchenklasse nach einer von Tieffliegern erschossenen BDM-Führerin benannt.
Das folgende Beispiel eines Schüleraufsatzes zeigt, wie sehr der Alltag durch die NS-Ideologie geprägt wurde, zu der sich 1944 alle bekennen mussten. (Mit der “Einsatzschule” ist die Oberschule an der Martinistraße gemeint: In der Innenstadt wurden in der Regel nur noch Schüler im Alter von 13 bis 18 Jahren unterrichtet, die alle dienstverpflichtet (also im “Einsatz”) waren. Somit nutzen auch hier die Nationalsozialisten die Kriegssituation, um ihren ideologischen Zugriff auf die Schulen zu verstärken.)

Jedoch war die Langemarck-Schule – so die Erinnerung von Augenzeugen – keine besondere nationalsozialistische Bildungseinrichtung, sondern eine ganz normale Bezirksschule. Allerdings zeigte sich in der Gründung über die Einsatzschule Martinistraße, der Namensgebung und der Auswahl des ersten Schulleiters die starke ideologische Ausrichtung des Schulwesens im Sinne der nationalsozialistischen Herrschaft. Dieser, Wolfgang Jünemann, hatte als hoher HJ-Führer rasant Karriere gemacht hatte und wurde – nur vier Jahre nach seinem Eintritt in den Hamburger Schuldienst – bis zum Ende des Krieges Schulleiter. (Hans-Peter de Lorent: Täterprofile. Die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen unterm Hakenkreuz und in der Zeit nach 1945. Band 2. Hamburg 2017 (Landeszentrale für politische Bildung), S. 600-616. Wolfgang Jünemann gelang erst nach einigen Jahren und gegen den Widerstand leitender Beamter der Schulbehörde die Wiedereinstellung in den Schuldienst und war dann bis zu seiner Pensionierung als „normaler“ Lehrer tätig.)

Daher war es nur konsequent, dass nach Kriegsende nicht “einfach umbenannt” wurde, sondern am 3. Oktober 1945 mit einem neuen, unbelasteten Schulleiter und zwei neuen Kollegen die Schule offiziell neugegründet wurde – am gleichen Ort und mit den gleichen Schülern.

Abbildung: Aus dem Schularchiv: „Unsere Langemarck-Schule“. In: Grundlage dieses Abschnittes, einschließlich der Abbildungen: Die Entwicklung des Hamburger Schulwesens nach dem 2. Weltkrieg am Beispiel der Wissenschaftlichen Oberschule Poppenbüttel 1944 bis 1955. GOA-Informationen. Sonderausgabe 1986. (Schularchiv), S. 12-13.

Zu den Namen des GOA

von Volker Stockstrom

  • Am 11.9.1944 begann der Unterricht in der „Langemarck-Schule“, so die Kurzform. Diese hieß offiziell „Langemarck-Schule, Oberschule für Jungen und Mädel in Poppenbüttel“. Das Gebäude – zunächst nur eine Baracke – wurde im Sommer 1944 bei der Löwenschlucht errichtet. Die Schule wurde gegründet als Ablegerschule der „Oberschule in der Martinistrasse“ in Eppendorf. Nach den Frühjahrsferien 1945 wurde der Unterricht wegen der militärischen Situation nicht wiederaufgenommen.
  • Am 2.10.1945 wurde der Unterricht in der Barackenschule wiederaufgenommen. Diese wurde unter dem Namen „Oberschule für Jungen und Mädchen in Poppenbüttel“ neu gegründet, erhielt eine neue Schulleitung und neue Lehrkräfte. Dieses Datum wird heute als das Gründungsdatum der Schule angesehen.
  • Mit dem Umzug in das neue Schulgebäude auf dem heutigen Schulgelände wurde die Schule umbenannt in „Wissenschaftliche Oberschule in Poppenbüttel“ (WOP). Die Einweihung des ersten Bauabschnitts fand am 5.6.1953 statt. Mit dem Umzug entstand ein langjähriger Streit um den Namen, denn mit dem Umzug wechselte die Schule ihren Standort von Poppenbüttel nach Sasel (Der Heegbarg bildet die Grenze zwischen Poppenbüttel und Sasel.).
  • Ab dem 24.4.1957 hieß die Schule „Gymnasium in Poppenbüttel“.
  • Ab dem 22.4.1963 änderte sich der Name in „Gymnasium Oberalster“, kurz GOA, wie wir es heute noch kennen. Damit endete auch der Streit um den Stadtteilnamen im Namen der Schule.
Bilder der alten Barackenschule und das neue Hauptgebäude 1959. Foto: Prof. Dr. Halvor Jochimsen

Schwierige Anfangsjahre nach 1945? Zwei Nahaufnahmen aus dem Schularchiv

Die unmittelbare Nachkriegszeit mit den vielfältigen Mangelerscheinungen, den Improvisationen und den Herausforderungen nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur endete für das Gymnasium Oberalster eigentlich erst mit dem Bezug des Neubaues 1958. Bis dahin erging es der Schule so wie vielen Neugründungen: Jedes Jahr kamen weitere Schüler und damit auch Lehrkräfte hinzu, es gab einen dauerhaften Mangel an Räumen und mit jedem aufwachsenden Jahrgang waren weitere Lehrpläne und
Vorgaben der Schulbehörde umzusetzen. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite machten sich – insbesondere nach der Währungsreform 1948 und der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 – die zunehmende wirtschaftliche und politische Stabilisierung bemerkbar. Davon profitierten Schüler wie Lehrer gleichermaßen. Hinzu kommt: Nach der ideologischen Ausrichtung während der nationalsozialistischen Diktatur, die sich im Krieg massiv verstärkt hatte, gab es weder in der Schülerschaft noch im Lehrerkollegium ein Interesse an politischen Diskussionen und Kontroversen. Statt dessen galt die Devise: Die Schule sollte wieder zur Ruhe kommen, vieles, was während der Diktatur und den Kriegsjahren nicht unterrichtet werden konnte, wurde wieder vermittelt bzw. „nachgeholt”. Dazu gehört auch die Wiedereinführung des 13. Schuljahres, mit der die Einführung des achtjährigen Gymnasiums durch die Nationalsozialisten rückgängig gemacht wurde.

Im Schularchiv finden sich – abgesehen von den Diskussionen zum Neubau der Schulen – aus diesen Jahren daher Berichte über Klassenreisen, Theateraufführungen und auch über einzelne Schulfeste. Dabei gab es in den 40er- und 50er-Jahren noch die Tradition, dass die jeweiligen Klassenlehrer einen Bericht über die Klassenfahrt für den Schulleiter verfassten. Ein solcher Bericht über eine Klassenfahrt in den Harz im Juni/Juli 1949 – immerhin über zwei Wochen (!) – soll hier als Fundstück aus dem Schularchiv abgedruckt werden, ergänzt durch das Titelblatt einer der ersten Schülerzeitungen “Die Poppenbüttler Bergwacht” (hier wird auf die Lage der Barackenschule auf dem Alsterhang Bezug genommen).

Aus dem Schularchiv: „Klassenreise in den Harz”. (Akte 1948)
Aus dem Schularchiv: „Klassenreise in den Harz”. (Akte 1948)
Aus dem Schularchiv: “Poppenbütteler Bergwacht”. (Akte 1950)

Der Reisebericht ist deutlich durch die Bewertung des Lehrers geprägt. Dieser kritisiert, wie schon wenige Wochen nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland die Ansprüche der Schüler gestiegen waren. Aus dem Bericht: “Selbst schmackhaftes, gutes Essen wurde abgelehnt. Brot, nur mit Margarine oder nur mit Marmelade bestrichen, war nicht gut genutzt. Taschengeld [bereits seit 1948 „Deutsche Mark“] war aber reichlich vorhanden oder wurde vom Hause angefordert. Was für Brause, Eis und Kuchen ausgegeben wurde, erreichte beträchtliche Summen.”
Noch deutlicher wird die Bewertung bei der Beschreibung des Verhaltens der Jungen gegenüber den Mädchen. Wir wissen nicht, welcher Generation der berichtetende Lehrer angehörte. Für die Zeit nach 1945 war allerdings eine deutliche Überalterung der Lehrerkollegien (z.T. weit über dem Pensionsalter von 65 hinaus) prägend, so dass der Bericht auch für einen ausgeprägten Generationenbruch stehen kann.

Auch das Titelbild der “Poppenbütteler Bergwacht” von 1950 spricht für sich: Sie erscheint nur zweimal in acht Jahren … warum, bleibt unklar. Als “Portrait des Jahres” findet sich eine offensichtliche Lehrerkarikatur auf der Titelseite. Für 1950 ist das durchaus mutig. Kritik kam also nicht erst „1968“ in die Schulen, insgesamt ist die Titelseite von feiner Ironie geprägt, die ein vertrauliches Miteinander an der Schule zumindest vermuten lässt…

Eine Schule im Wachstum ODER Vom zähen Überleben der Baracken (1950 bis 1965)

Die fünfziger und frühen sechziger Jahre gelten in der gesellschaftlichen Wahrnehmung als eine Zeit des wirtschaftlichen Aufbruchs („Wirtschaftswunder”) – begleitet durch ein Wiederaufleben von konservativen Traditionen in fast allen gesellschaftlichen Bereichen. Die Menschen schienen sich nach „Normalität”, nach der Wiederherstellung der „guten alten Zeit” vor dem Zweiten Weltkrieg – im Grunde sogar vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges – zu sehnen. Im Schulbereich traten die konservativen Strömungen besonders deutlich hervor. Beispielsweise kehrten alle Bundesländer zum Abitur nach 13 Schuljahren zurück, und in Hamburg scheiterte der Versuch der SPD, die sechsjährige Grundschule einzuführen, in einer krachenden Wahlniederlage mit einem Regierungswechsel. (Geschichte wiederholt sich ja eigentlich nicht, aber 2011 stellten sich dann CDU und Grüne mit der “Primarschule” in diese Tradition.)
Für das Gymnasium Oberalster waren diese schulisch so ruhigen Jahre gar nicht ruhig. Das lag zum einen an der Raumsituation, die sich so langsam verbesserte, dass erst am 15. September 1959 – mehr als 14 Jahre nach Kriegsende und sieben Jahre nach der Grundsteinlegung – der endgültige Abschied von den Baracken gefeiert und damit auch der Umzug zum neuen Standort Alsterredder abgeschlossen wurde.

Abb.: „Wo liegt der Grundstein der Schule?“ Die Grundsteinlegung am 7. Juli 1952. Rechts ist der Schulleiter Herr Eckmann vor der Grundsteinkassette zu sehen. Aus: Die Entwicklung des Hamburger Schulwesens nach dem 2. Weltkrieg am Beispiel der Wissenschaftlichen Oberschule Poppenbüttel 1944 bis 1955. GOA-Informationen. Sonderausgabe 1986. (Schularchiv), S. 36.

Schauen wir noch einmal näher hin: Am Anfang gab es nur die Baracke I mit den beiden Klassenräumen und dem Durchgang als Lehrer- und Schulleiterzimmer. Bis 1948 kamen eine Hausmeister- und eine Lehrerzimmerbaracke hinzu (die letztere soll angeblich in einer Nacht und Nebel Aktion aus Fuhlsbüttel „entwendet” worden sein), in den folgenden Jahren wurden noch zwei weitere Unterrichtsbaracken errichtet. Wichtiger ist, dass es seit 1946/47 auch elektrische Beleuchtung gab, die sanitäre Situation soll sich allerdings nicht verbessert haben. Eine Rolle für die Verzögerungen spielte die Freie und Hansestadt Hamburg, die mit ihrer Schulpolitik (Einführung der sechsjährigen Grundschule) den Raumbedarf am neuen Gymnasium schlicht unterschätzte und daher den Neubau der Schule nicht in einem Rutsch, sondern in drei aufwendigen und getrennten Bauabschnitten vollzog.
Der Hauptgrund war jedoch das durchgängige Wachstum der Schule: Am 2. Oktober 1945 wurden drei weitere Klassen aufgenommen, sodass nunmehr ca. 200 Schüler vorhanden waren. 1949 waren 309 Schüler erreicht, 1953 345 und 1954 sprangen die Schülerzahlen auf 473, dann 1955 auf 539. Das Gymnasium bekam jedes Jahr einen neuen Jahrgang nach oben, gleichzeitig nahm aber auch der Andrang in den Eingangsklassen immer mehr zu, da immer mehr Häuser und Wohnungen gebaut und im näheren Umfeld kein weiteres Gymnasium zur Verfügung stand. Zudem gingen bereits in den fünfziger Jahren immer mehr Schüler auf die Gymnasien über: eine Entwicklung, die in Großstädten ihren Ausgang nahm.

Von 1955 bis 1964 blieben die Schülerzahlen dann bei ca. 550 stabil, bis mit den geburtenstarken Jahrgängen eine zweite Welle der Expansion begann: Bis 1966 stiegen die Zahlen auf 758 Schüler an und wieder wurden Baracken errichtet, natürlich nur als „Provisorium” für eine kurze Zeit – sie blieben dann bis Ende der siebziger Jahre in Benutzung!

Und wieder überrascht ein Blick ins Schularchiv: In der Festschrift von 1955 schreibt der damalige Schulleiter, dass man am Gymnasium Oberalster bereits 1945 so gute Erfahrungen mit der (durch die Umstände erzwungenen) Koedukation gesammelt habe (eine der drei Klassen war gemischt), dass man gleich dabei geblieben sei und die Schule durchgängig koedukativ führe! Das war in den 1950er und 1960er Jahren noch gar nicht selbstverständlich, in der Mehrzahl der Schulen wurde die Koedukation erst Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre eingeführt. (Ein Schulleiter aus Hammeln erzählte dazu einmal, dass die größte Herausforderung die bauliche Trennung von Jungen und Mädchentoiletten gewesen sei; ein anderer Kollege berichtete vom dämpfenden und disziplinierenden Einfluss der Schülerinnen in den vorher reinen Jungenklassen…)
Bei der Koeduktion war das GOA somit seiner Zeit voraus – mit den schulischen Schwerpunkten im Theaterspielen und Musizieren (auch das Feiern bei „Randel”, einem damals bekannten Cafe und Ausflugslokal im Wellingsbüttel, gehörte dazu) entwickelte sich die Schule allerdings vergleichbar mit vielen Gymnasien in Hamburg.

Das offizielle Photo der Abiturklasse von 1954, also den Schülern, die 1945/46 eingeschult worden waren. Das Foto wurde von Dr. Manfred Höfert zur Verfügung gestellt.

Eine besondere Entwicklung nahm die Schülerzeitung: Ein erstes Exemplar findet sich im Schularchiv von 1950 (siehe das Titelblatt oben). Mehrere weitere Versuche scheiterten jedoch. Dann kam seit 1959 als neue Zeitung der “Schwamm” und wurde zu einem in ganz Hamburg beachteten Erfolg: Auf einer eigenen Druckmaschine in der Schule entstehen nicht nur die Basisausgaben mit einer Auflage von bis zu 1000 Exemplaren, sondern auch “Extrablätter”. Das Hamburger Abendblatt wird aufmerksam und bringt einen großen Artikel unter der Überschrift “Im Schwamm spiegelt sich das Leben der Schule wieder.” Im Randel veranstaltet die Redaktion des Schwamms einen eigenen “Presseball”, auf dem eine eigene Unterstufenausgabe, das “Schwämmchen” vorgestellt wird. (Siehe dazu die Jubiläumsschrift der Schule 1965, S. 45. (Schularchiv)) Die Jahre 1960 bis 1965 erweisen sich im Rückblick als Blütephase des Schwammes – später gefolgt von weiteren Schülerzeitungen wie dem „GOAner“.

Zwei Abbildungen aus dem Album von Prof. Dr. Halvor Jochimsen, die Unterrichtssituationen von 1959 zeigen: So sehr haben sich die Zeiten, abgesehen von der Kleidung, nicht geändert…

Aus dem Schularchiv geht noch eine weiterer Bereich hervor, in dem sich die Schule profilierte. Die Geschichtslehrerin Dr. Ilse von Westphalen nimmt Kontakt zum Stadtarchiv von Soest in Westfalen auf (hier gab es wohl private Kontakte zum städtischen Archivleiter) und lässt 34 Schüler einer 11. Klasse (ein Amerikaner ist dabei) eine Semesterarbeit zu historischen Aspekten der Geschichte Soests erarbeiten – ein zehntägiger Aufenthalt legt dafür die Grundlage, die Unterstützung des Stadtarchivars sowie die Öffentlichen Bücherhallen und die Staats- und Universitätsbibliothek leisten ein übriges. Schließlich liegen 26 Arbeiten vor, die in “Buchform” gebunden, feierlich dem Stadtarchiv von Soest übergeben werden und in der Folgezeit jeweils wissenschaftlich veröffentlich werden. (Ebenda, S. 42-43.)

Aus dem Schularchiv: „1968“ am GOA…

Wir wissen nicht, was im “Schwamm”, der damaligen Schülerzeitung des GOA, gedruckt wurde. Das müssen wir auch nicht. Diese Äußerungen werden zurückgenommen. Aber das ist nicht der Kern dieser Erklärung der Klassen 13 S1 und 13 S2 von 1967: Hier findet sich ein Aufruf, der auch im Jahr 2020 noch höchst aktuell erscheint…

Das GOA als Vorreiter? Die Erfindung einer neuen gymnasialen Oberstufe (1968-1973)

Nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur wurde es zum bildungspolitischen Ziel, das Niveau der allgemeinen Hochschulreife wieder zu erhöhen. Eine Folge waren überbordende Stoffkataloge sowie eine Vielzahl an Prüfungsfächern im Abitur. Bereits Anfang der 1950er-Jahre gab es jedoch auch Reformvorschläge: Die Zahl der Abiturprüfungsfächer sollte reduziert, Wahlmöglichkeiten eingeführt und der Stoffkanon im Sinne eines exemplarischen Lernens vermindert werden. Als die Kultusminister der Länder 1961 die gymnasialen Oberstufen neu ordneten, flossen bereits einige Reformvorstellungen ein: Es gab (begrenzte) Wahlmöglichkeiten und die Länder konnten ein “Vorabitur” einführen, so dass bestimmte Prüfungsfächer bereits ein Jahr vor dem Abitur absolviert waren. (Vgl. dazu: “Hochschulreife und Oberstufenreform” (S. 41-46) und “Die Neugestaltung der gymnasialen Oberstufe” (S. 62–68), in: Helge Schröder: Zwischen Schulreform und Bildungsexpansion. Niedersächsische Schulgeschichte von 1945 bis 1990 am Beispiel des Philologenverbandes Niedersachsen. Hamburg 1999.)
Der Reformdruck wuchs jedoch, hinzu kamen die politisch aufgewühlten, späten 1960er-Jahre. Insbesondere der feste Unterricht im Klassenverband und die Unterscheidung von Haupt- und Nebenfächern wurde nicht mehr als zeitgemäß empfunden. 1972 kam es mit der “Vereinbarung zur Neugestaltung der gymnasialen Oberstufen” zum großen Bruch: Ein völlig neues Modell der individuellen Differenzierung in Grund- und Leistungskurse ersetzte sowohl den Klassenverband als auch die traditionelle mathematisch-naturwissenschaftliche oder sprachliche Ausrichtung der Oberstufen. Die Oberstufe und die Abiturprüfung wurden im hohem Maße “verrechtlicht”, das Erlangen der notwendigen “Punkte” wurde für die Schülerinnen und Schüler wichtiger als inhaltliche Fragen oder die Frage nach dem jeweiligen Unterrichtsfach. Denn: Die vielen Freiheiten, die sich aus der reformierten gymnasialen Oberstufe ergaben, wurden gleichzeitig durch die Einführung von Zulassungsbeschränkungen in vielen Studienfächern (“Numerus Clausus”) wieder begrenzt. Als spätester Einführungstermin für die Oberstufenreform war das Schuljahr 1976/77 vorgesehen – vier Jahre konnten die Länder also planen und erproben.

In Hamburg, insbesondere im Nordosten der Hansestadt, sah es jedoch anders aus: Das GOA hatte sich bereits im Sommer 1968 auf den Weg zu einem neuen Oberstufensystem begeben und wurde so – mit wenigen anderen Schulen – zu einem Vorreiter im Hamburger Bildungssystem! Bereits im Sommer 1968 hatte sich am GOA ein “Arbeitskreis Oberstufenreform” aus Lehrern, Schülern und Eltern zusammengefunden: Mehr Demokratie, neue Unterrichtsformen und neue Inhalte sollten die gymnasiale Oberstufe verändern. Der Arbeitskreis bezog seine Anregungen u.a. vom “Politischen Arbeitskreis Oberstufe”, in dem bereits 1968–70 Lehrkräfte intensiv über die Zukunft der Oberstufe diskutiert hatten, aber auch von Diskussionsergebnissen im Diskussionsteil des sonnabendlichen “Lehrer-Fußballkreises”. Hinzu kamen Exkursionen, wie zum Halpagen-Gymnasium in Buxtehude, das eine Vorreiterschule war. Zu einer solchen wurde das. GOA nun auch: Bereits 1970 legte der letzte Jahrgang im Klassenverband die Reifeprüfung ab, es folgte eine eine Erprobungsphase mit jahrgangsübergreifenden Kursen, der Auflösung der Klassenverbände sowie der Einführung eines Tutorensystems. Die Schüler konnten nicht nur Kurse und Inhalte, sondern (soweit angeboten) auch unter den Lehrkräften wählen, die die jeweiligen Kurse anboten. Wo es möglich war, konnte dabei die Reihenfolge der Inhalte von den Schülern selbst festgelegt werden (das galt z.B. für Gemeinschaftskunde). Helmuth Peets erinnert sich an “äußerst fruchtbare Gemeinschaftskunde-Stunden mit heftigen, kontroversen Auseinandersetzungen zwischen autonomen Che Guevara- und Rudi Dutschke-Sympathisanten mit konservativ eingestellten Schülern”. (Helmuth Peets: 25 Jahre reformierte Oberstufe am GOA. In:. 1945 bis 1995. Gymnasium Oberalster, S. 22-23)

Die Phase der eigenständigen, am GOA entwickelten Oberstufe, dauerte nur drei Jahre. Mit der Verabschiedung der “Neuordnung der gymnasialen Oberstufe” durch die Konferenz der Kulturminister (KMK) begann die hamburgweite Einführungsphase des neuen Systems – wieder war es das GOA, das in einer ersten Gruppe von Schulen das neue System testete.

Doch der Euphorie folgte die Ernüchterung. Insbesondere der Mangel an Studienplätzen und die Einführung eines “Numerus Clausus” (NC) in vielen Studienfächern zeigte unschöne Folgen. So schrieb die GOA-Schülerzeitung „reflect II” am 14. Februar 1974:

Die große Jagd nach den Punkten ist ausgebrochen: Jeder versucht für sich das beste Ergebnis herauszuholen. Jeder kämpft gegen Jeden! Wir sind froh, wenn schlechte Schüler den Durchschnitt senken und dadurch die eigene Leistung steigt. Die Rivalität geht sogar so weit, daß wir uns freuen, „wenn andere vorzeitig abgehen. Mehr Platz! Die Hilfsbereitschaft unter Schülern nimmt ab. Obwohl alle sich an diesem Wettlauf beteiligen, sind viele Schüler mit ihrer Situation nicht zufrieden. Egoismus und abweisende Distanz bestimmen das Verhältnis der Schüler zueinander. Noch krasser hat sich das Verhältnis Lehrer Schüler entwickelt. Die Schule ist zur Lehrmaschine geworden. Durch fehlenden Bezug zur Praxis und Überbewertung der Leistung verlieren die Lehrinhalte an Bedeutung. Durch einseitige Anforderungen werden wir ,kopflastig, bleiben wir in der Theorie stecken. Die Fähigkeit, eigene Ideen zu entwickeln und in die Praxis umzusetzen, verkümmert.

Helmuth Peets: 25 Jahre reformierte Oberstufe am GOA. In:. 1945 bis 1995. Gymnasium Oberalster, S. 23.

Dieser Bericht spitzt zu. Die Wirklichkeit spiegelt er nicht, aber einen Teil davon. Im Kern zeigt sich, dass eine anspruchsvolle, freiheitsorientierte Oberstufenreform nicht erfolgreich sein kann, wenn gleichzeitig der Zugang zur Universität wegen der geburtenstarken Jahrgänge begrenzt werden muss. Bildungsreformen finden nicht im luftleeren Raum statt. Somit konterkarierten die äußeren Rahmenbedingen die vielen idealistischen Ansätze – aber es gilt auch: Im Vergleich zu heute war die reformierte gymnasiale Oberstufe durchaus ein schülerorientiertes Erfolgsmodell – nicht ohne Grund ist mittlerweile die große Mehrzahl der Bundesländer zur mittlerweile klassischen reformierten Oberstufe mit Grund- und Leistungskursen zurückgekehrt. Für das GOA war die reformierte Oberstufe in ihren vielen Ausprägungen bis heute ein Erfolgsmodell: Nur so konnte einer anspruchsvollen, sich immer wieder wandelnden Schülerschaft ein breites Spektrum an unterschiedlichen Vertiefungsmöglichkeiten in Verbindung mit einem soliden Grundwissen angeboten und vermittelt werden.

“Chapeau: Eine Aula wird gebaut!”
Ein Erfolg nach vielen Jahren des Scheiterns (1958-1998)

(Quellen des Abschnittes: Schularchiv 1993/94 (Sammelablage in dieser Akte).

Wir hatten bereits erfahren, dass das Gymnasium Oberalster 14 Jahre lang auch immer eine “Barackenschule” gewesen war – erst ab 1959 wurden alle Schülerinnen und Schüler im Neubau unterrichtet. Schon zu dessen Grundsteinlegung 1952 war es das Bestreben der Schulleitung, eine große Aula zu errichten, die für ein vollständiges Gymnasium als notwendig angesehen wurde. Dafür setzten sich Schulleitung, Eltern und Schüler immer wieder ein. Doch zum Erfolg kam es nicht: Unglücklicherweise gab es in den 1950er-Jahre Planungen der Schulbehörde, am Alsterredder eine große, sechsjährige Grundschule mit angeschlossener Volksschule zu errichten, dann hätte das Gymnasium weichen müssen, ein Aulabau wurde also verschoben. Später erhielt die heutige Irena-Sendler-Stadtteilschule bevorzugt eine Aula, als das Geld wieder einmal knapp wurde und dann gerieten Schulaulen in Hamburg völlig aus der Mode: In den 1960er und 1970er-Jahren war es praktisch unmöglich, den Bau einer Schulaula für gemeinsame Schulveranstaltungen genehmigt und finanziert zu bekommen. Das GOA ist nicht die einzige Schule, die ohne Aula gebaut wurde. Ein weiteres Beispiel waren das seit 1974 errichtete Gymnasium Buckhorn oder das Gymnasium Marienthal.

Doch weder die Elternschaft, die Schülerinnen und Schüler noch die Schulleitung gaben auf: 1990 startete der neue Stellvertreter und spätere Schulleiter Volker Stockstrom eine neue Initiative: Ein “Aulakreis” aus Eltern und Lehrern wird gegründet und erstellt ein konkretes Konzept für eine 3,5 Millionen DM teure Schulaula.

Ein Jahr später sagte die Schulsenatorin einen Zuschuss der Stadt von 300.000 DM zu, einschließlich der städtischen Übernahme des Gebäudes. Nun konnten Spenden gesammelt werden. Bereits nach sechs Wochen waren mehr als 100.000 DM zusammengekommen – doch dann riss der Geldstrom ab… Im September 1992 entschied man daher, das ganze Projekt zu begraben und die bereits geleisteten Spenden zurückzuzahlen. Doch ein Wunder geschah: Die Schulbehörde verdoppelte ihren Zuschuss und ein Großspender sowie viele kleine Spender machten das ganze Projekt wieder flott. So konnte im Januar 1994 der Bauantrag gestellt, im Herbst 1994 der Baubeginn und im Herbst 1995 das Richtfest erfolgen. Beim Schuljubiläum 1995 konnte mit einem Jazzfrühschoppen die erste Schulveranstaltung im Rohbau gefeiert werden.

Nun standen eine Vielzahl von Eigenleistungen an, u.a. wurden die Außenanlagen und viele Malerarbeiten selbst übernommen. Die große Spendenbereitschaft der Schulgemeinschaft half dabei sehr – genau so wichtig war es, dass “jedesmal, wenn der Schwung im Aulakreis nachließ und sich Ermüdungserscheinungen bemerkbar machten, wieder ein Vater hinzu[kam], der die Aktivitäten neu belebte und das Projekt weiter vorantrieb” (Volker Stockstrom in: Gymnasium Oberalster. Einweihung der Aula. Die Reden vom Festakt am Samstag, den 27. Juni 1998. Festschrift. In: Schularchiv GOA, S. 6.).

So konnte die Schulaula endlich am 27. Januar 1998 eingeweiht werden – mit einer Festansprache von Dr. Henning Vorscherau, Erster Bürgermeister a.D. und GOA-Abiturjahrgang 1961. Die Baukosten betrugen 2,7 Millionen DM, davon kamen nur 32% aus Steuermitteln der Freien und Hansestadt Hamburg, der Rest aus privaten Spenden (34%) und Eigenleistungen/Sachspenden (30%) – sowie (heute fast undenkbar) 95.000 DM aus Zinseinnahmen.
Heute erscheint es so, als ob die Aula immer schon dagewesen sei, so organisch fügt sie sich in Architektur und Schulleben ein. Das Gymnasium Oberalster ohne Bühne? Nicht denkbar! Angesichts der langen Jahrzehnte, bis diese Synthese jedoch erreicht war, bleiben zwei Erkenntnise: Nur weil etwas nicht da ist, heißt es nicht, dass es nicht fehlt und kommen sollte! Und: Es lohnt sich einen langen Atem zu haben und sich immer wieder einzusetzen, wenn das, was man anstrebt, wirklich notwendig ist!

Auch die Schüler haben sich lange für den Bau einer Aula eingesetzt. Das zeigt ein Artikel aus der Schülerzeitung “Der Schwamm” vom Juni 1962 – mehr als 35 Jahre vor der tatsächlichen Realisierung. Auffällig ist, dass das Thema schon 1962 als „ziemlich alt“ eingeleitet wird…

Aus dem Schularchiv: Ein Widerruf - mit einem Aufruf zur Vernunft…

Eine etablierte Schule – im Einfluss der Bildungspolitik. Die Entwicklung seit den 1980er-Jahren

Aus dem Schularchiv 1985/86: Designentwurf für den neuen Schulpullover (Entwurf: Frank Sauer, ehemals Vorstufe)

Für das Gymnasium Oberalster waren die letzten 40 Jahre mehr durch eine ruhige, dauerhafte Entwicklung als durch Umbrüche und Krisen gekennzeichnet. Allerdings gab es eine herausragende Leistung der Schulgemeinschaft: Die gemeinsame Finanzierung und die Errichtung der Aula (einschließlich gemeinsamer Bauleistungen!) erwiesen sich als ein besonderer Höhepunkte (siehe dazu den Abschnitt oben). Für die Schule war diese Ruhe im Grundsatz positiv. Nachdem zu Beginn der 1970er Jahre mit 1100 Schülern ein neuer Rekord erreicht war, brachten die Ausgründungen Gymnasium Müssenredder (heute Carl-von-Ossietzky-Gymnasium) und Gymnasium Grootmoor eine dauerhafte Entlastung, ohne aber den Bestand der Schule zu gefährden. Das Ansehen der Schule war so gefestigt, dass im Durchschnitt jedes Jahr vier Klassen mit ca. 100 Schülern aufgenommen werden konnten – und zwar ohne Abstriche in der Qualität machen zu müssen: Die Schule konnte sich nach außen bewusst leistungsorientiert darstellen, ohne befürchten zu müssen, zu viele Eltern abzuschrecken.

Vier Fundstücke aus dem Schularchiv vermitteln Eindrücke dieser Jahre:

  • Ein Designentwurf für den GOA-Pullover von 1985/86
  • Die Konferenzunterlagen zu den „Friedensprojekttagen“ von 1983
  • Der Bericht über die Renovierung der Naturwissenschaften, die zu einem großen Bauprojekt wurde (1987)
  • Schließlich ein Auszug aus der Schülerzeitung „Buttermilch“ von 1993/94
Aus dem Schularchiv: „Die Konferenz möge beschließen, einen Projekttag zum Thema „Frieden“ einzurichten.“ (9.11.1983)

Ein zentrales Thema der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre war der sich u.a. mit der atomaren Aufrüstung durch die Sowjetunion, der Besetzung Afghanistans und dem NATO-Doppelbeschluss wieder verschärfende Ost-West-Konflikt. In der Bundesrepublik gehörte dazu eine gesellschaftlich breit verankerte, aber auch umstrittene „Friedensbewegung“. Im Schularchiv findet sich dazu ein aufschlussreiches Dokument über eine Lehrerkonferenz vom 9.11.1983. (Ein bemerkenswertes Datum, sechs Jahre später fiel die Mauer in Berlin und der Ost-West-Konfllikt wurde zur Geschichte.) Noch bemerkenswerter ist, in welcher politischen Situation diese Konferenz stattfindet: 13 Tage später, am 22.11.1983, beschloss der Deutsche Bundestag mit 286 Stimmen von CDU/CSU und FDP gegen 255 Stimmen von Grünen und SPD die Stationierung der Pershing-Raketen als Gegenmaßnahme zu den sowjetischen SS-20-Raketen.

Einige Hinweise zum Lesen des spannenden Dokumentes:

  • Es liegt ein Antrag zum Tagesordnungspunkt 4 vor, dass ein Projekttag zum Thema „Frieden“ eingerichtet wird.
  • Auf dem Antrag gibt es Streichungen und Randbemerkungen mit einem Bleistift, diese sind wahrscheinlich durch den Schulleiter (Herr Dr. Ansorge) oder ein anderes Mitglied der Schulleitung ausgeführt worden.
  • Offensichtlich reagiert hier das GOA auf Entwicklungen in Hamburg: In der Begründung wird darauf hingewiesen, dass „fast alle“ Hamburger Gymnasien entsprechende Veranstaltungen in einer „Friedenswoche“ vom 15.-22. Oktober 1983 durchgeführt hätten.
  • Der Antrag kommt von der „GEW“, der „Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft“, die in ihrem Selbstverständnis auch immer politisch engagiert ist und dabei klare Positionen vertritt.
  • Hervorzuheben ist, dass sich in der Antragsbegründung ein Hinweis auf Pluralismus findet: Das Thema sei gesellschaftlich umstritten, eine Diskussion in der Schule müsse diese Kontroverse widerspiegeln. Daher müssten Vertreter der „Abschreckung“, aber auch der „einseitigen Abrüstung“ oder des „Pazifismus“ zu Wort kommen.
  • Sehr typisch für den konkret-praktischen Ansatz der Schule sind auch die konkreten Vorschläge, die offensichtlich von Kollegen entwickelt wurden. Zwei Vorschläge sind handschriftlich durchgestrichen, diese sind ohne Namensangabe aufgeführt, das mag zum Streichen durch den Schulleiter geführt haben, denn es muss sich ja jemand kümmern…
  • Wir erfahren durch die Notizen des Schulleiters, wie es dem Antrag in der Konferenz ergangen ist: Die Variante, erst einen Ausschuss zur Prüfung und Weiterverfolgung der Idee einzurichten, wurde mit 24 zu 23 Stimmen bei 4 Enthaltungen abgelehnt, ein konkreter Projekttag mit 26 zu 19 Stimmen bei 6 Enthaltungen beschlossen.
  • Der Ausschuss wurde jedoch konkret diskutiert, wahrscheinlich zur Vorbereitung des beschlossenen Projekttages auch eingerichtet, wir lesen die Kürzel von insgesamt sieben Kollegen, ein Kollege wurde wieder gestrichen.
  • Der Projekttag soll für die Jahrgänge 9 und 10 und/oder für die Jahrgänge 11 („VS“) bis 13 eingerichtet werden – ob gemeinsam oder getrennt, wird aus der Randbemerkung nicht deutlich.
  • Sehr typisch ist die Randbemerkung „zu diesem Zeitpunkt (25.11.): jetzt nicht – sorgfältig vorbereiten“ und die Idee, auf den 1.2.1984 zu gehen: Schulische Aktivitäten benötigen immer einen langen Vorlauf, vielleicht hatte der Schulleiter auch den Hintergedanken, den Projekttag so etwas aus den aktuellen politischen Diskussionen „herauszunehmen“.
  • „Freiwillig – soll es sein“ ist eine weitere Randbemerkung, wir wissen nicht, ob es der Wunsch des Schulleiters oder der Konferenz ist. Die Bemerkung steht aber durchaus für das liberale Selbstverständnis der Schule.

Insgesamt ein bemerkenswertes Dokument. Hier macht es sich ein Lehrerkollegium nicht einfach und schwimmt im Zeitgeist mit, sondern schaut sich die Entwicklungen an, reagiert nicht überhastet, aber mit einem klaren Projekttag, der bewusst gesellschaftliche Kontroversen nicht ausblendet, versucht alle Perspektiven einzubeziehen und so zu einer ausgewogenen, schülerorientierten politischen Bildung beiträgt.

Aus dem Schularchiv: Die Schülerzeitung „Buttermilch“ (ohne Jahr, Schularchiv 1993/94)
Aus dem Schularchiv: Renovierung des naturwissenschaftlichen Traktes (Schularchiv 1986/87)

Dann kamen die ersten beide Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts und damit eine Reihe von Schulreformen. Diese mussten wie epochale Wetterereignisse begriffen und getragen werden:

Schulzeitverkürzung

Der neue CDU-Bürgermeister Ole von Beust – nach 40 Jahren SPD-Vorherrschaft ein echter Wechsel – verkürzte die Schulzeit bis zum Abitur von neun auf acht Jahre und führte in diesem Zusammenhang auch den Nachmittagsunterricht (bzw. die verbindliche Mittagspause) an allen Hamburger Gymnasien ein. (Ein Hintergrund war, dass so Sondermittel der Bundesregierung zum Ganztagsausbau von Schulen abgerufen werden konnten.) Für Schüler, Lehrer und Schulleitung war diese zeitliche Verkürzung mit vielen Mühen und Umbrüchen verbunden: Die Lehrpläne aller Fächer mussten umgestellt (auch gekürzt!) werden, dabei rutschten so manche Themen in Altersklassen, für die sie nicht so geeignet waren. Also veränderte sich auch die Art des Unterrichtens bestimmter Themenbereiche.
Die nunmehr auch von der Stundenzahl vollgepackten acht Gymnasialjahre veränderten auch das Schulleben: Die Schüler hatten weniger Muße und Zeit für Arbeitsgemeinschaften, freiwillige Initiativen und andere Aktivitäten und waren insgesamt angestrengter, insbesondere ab der oberen Mittelstufe (Klasse 9). Auch die Verkürzung der gymnasialen Oberstufe auf die beiden Abiturjahre machte sich bemerkbar, denn der Sprung von der Klasse 10 in das erste Semester macht bis heute so manchem Schüler zu schaffen.

Zentrale Abschlussprüfungen:
Zu einem weiteren Vorzeichenwechsel führte die Einführung des Zentralabiturs (schrittweise, zunächst für Deutsch, Mathematik und den Fremdsprachen, später für (fast) alle Fächer) und von verbindlichen Abschlussprüfungen (=Vergleichsarbeiten) in der Klassenstufe 10. Nun galt es auch für Hamburger Schüler und Lehrer, ein festgelegtes Curriculum so abzuarbeiten und aufzubereiten, dass ein möglichst gutes Abschneiden ermöglicht wurde. Der Wettbewerb wurde schärfer, das Abschneiden der benachbarten Schulen immer wieder genau beobachtet und jede ausgefallene Unterrichtsstunde als fehlende Vorbereitung verbucht – auch das führte zu weniger anderen Aktivitäten wie Projektarbeiten oder Exkursionen. Als positiv erwies sich dabei, dass die engagierte und ergebnisorientierte Arbeit an der eigenen Schule sich nun auch in entsprechenden Abschlussergebnissen der zentralen Prüfungen niederschlug. Der leistungsorientierte Ruf der Schule konnte bestätigt werden.

Profiloberstufe

Als reichten Schulzeitverkürzung und zentrale Abschlussprüfungen nicht aus, entschied sich die Politik, ein Oberstufenmodell aus Süddeutschland auf Hamburg zu übertragen. Seitdem gehört das System aus Grund- und Leistungskursen, das seit Anfang der 1970er-Jahre die Oberstufe geprägt hatte (und das – siehe oben – in Hamburg am GOA maßgeblich mit entwickelt worden war) der Geschichte an. Alle Schüler mussten fortan Deutsch, Mathematik und eine Fremdsprache vierstündig belegen und hieran bestimmte Profilfächer anschließen. Sie wählten aus wenigen, festgelegten Profilen aus, statt sich ein eigenes Menü aus Kursen zusammenzustellen. Die Hoffnung, dass neben der Stärkung der Kernfächer sich so in den Profilen fächerübergreifendes Arbeiten verstärken ließe, zerschlug sich in dem Moment, in dem das Zentralabitur eingeführt wurde: Die Zentralabiturvorgaben der jeweiligen Fächer rückten in den Vordergrund.

Sechsjährige Grundschule

Der erstmals durch CDU und GRÜNE gebildete Senat verabredete 2008 die Einführung einer sechsjährigen Grundschule auch in Hamburg. Das hätte für die Gymnasien den Verlust der beiden Jahrgänge 5 und 6 bedeutet, in Verbindung mit der Schulzeitverkürzung wäre aus dem neunjährigen ein sechsjähriges Gymnasium geworden. Diese Schulreform scheiterte schließlich in einem Volksentscheid 2011. Das GOA behielt die Jahrgänge 5 und 6.

Lernen mit digitalen Medien

Eine zweite Entwicklung war langsam, vielen zu langsam, anderen zu schnell. Die „digitale Revolution“ erfasste auch das Gymnasium Oberalster. Hier zeigte sich die Schule offen und machte ihrem Ruf alle Ehre: Schon frühzeitig wurden Smartboards und Computer mit schnellen Internetanschlüssen und einem funktionierenden WLAN in allen Klassenräumen eingerichtet, für die Lehrer konnte so der Einsatz digitaler Medien für den Unterricht zur Selbstverständlichkeit. Ein Beispiel: Alle Klassenräume haben – neben der klassischen Tafel – auch digitale Arbeitsflächen. Dazu kommen überall sogenannte „Dokumentenkameras“, so dass jeder Schülerbeitag im Heft, jeder Text oder jede Abbildung sofort digital projeziert werden kann – und auch Comuter und anderen Endgeräte unkompliziert angeschlossen werden können. Eine solche Ausstattung, mit der schnell und unkompliziert gearbeitet werden kann, ist auch 2020 an vielen Hamburger Schulen nicht selbstverständlich.

Ein (vorläufiges) Fazit nach 75 Jahren Schulgeschichte…

Im Rückblick waren die letzten 20 Jahren schulpolitisch durchaus „stürmisch“: Die Schulzeit wurde um ein Jahr verkürzt, eine sechsjährige Grundschule sollte eingeführt werden (und scheiterte), zentrale Abschlussprüfungen wurden installiert und die gymnasiale Oberstufe wurde grundlegend umgebaut.

Das alles hat die Schulgemeinschaft sehr beschäftigt und nicht mehr viel Raum für andere Projekte und Initiativen gelassen. Doch steht die Zeit nach der Jahrtausendwende auch für Kontinuität: Die Anmeldezahlen und damit auch die Schülerzahlen bleiben stabil, die Schülerschaft erwies sich weiterhin als aufgeschlossen, lernbereit und motivierbar und – durchaus nicht selbstverständlich – der Umbruch im Lehrerkollegium mit dem „Einzug“ von vielen jungen Kolleginnen und Kollegen konnte gut geplant und ohne Kontinuitätsbrüche bewältigt werden. (Hier wurde es zum Vorteil, dass Hamburg am Beamtenstatus festhielt und so eine unschlagbare Attraktivität in Verbindung mit dem „Großstadtleuchten“ entwickeln konnte. Aus ganz Deutschland kamen die motivierten und gut ausgebildeten Kollegen…)

So konnte das Gymnasium Oberalster seine pädagogischen Kernideen durch die Umbrüche bewahren: Seine Schülerinnen und Schüler mithilfe eines anspruchsvollen Unterrichtes zu differenziertem, eigenständigen Denken zu befähigen – und nicht jede „Wendung“ des Zeitgeistes sofort begeistert mitzumachen…

goa aussen kleiner - 1GOA 1960